Philologicum der Ludwig-Maximilians-Universität

Das ehemalige Blindeninstitut Friedrich von Gärtners (1833-35) liegt an einer neuralgischen Stelle der Münchner Ludwigstraße gegenüber der Ludwigskirche und der Staatsbibliothek. Im Gegensatz zu letzteren Werken desselben Baumeisters, lässt sich der grauweiß verputzte Baukörper den zurückhaltenden, strukturbildenden Bausteinen der Ludwigstraße zuordnen. Der heutige Zustand des Hauses ist ein typischer Hybrid des späten Wiederaufbaus in der Nachkriegszeit: Vollständige Entkernung des Gebäudes in den sechziger Jahren unter Erhalt zweier Gärtner’scher Außenmauern (Ludwig- und Schellingstraße). Der Innenhof versammelt die Fakultätsbauten der Sprachwissenschaften zu einer Art „Campus im Campus“. Das Philologicum, die neu zu errichtende Zentralbibliothek der Sprachwissenschaften, soll zukünftig funktional und räumlich das Zentrum dieses komplexen funktionalen und architektonischen Ensembles bilden.

Im Spannungsverhältnis zwischen der monumentalen klassizistischen Bebauung der Ludwigstraße im Osten und offenen Hofbebauung aus den 1960er Jahren im Westen soll eine Bibliothek entstehen, die ihren spezifischen Charakter aus dem Geist des Ortes bezieht und diesen mit neuen Qualitäten bereichert. Ausgangspunkt des Projekts ist die entkernte Schale des Gärtnerbaus, die architektonische Ordnung, Maßstäblichkeit, Materialität und Räumlichkeit seiner Außenmauern. Der Neubau soll passgenau in das feine Gewand der Gärtnerfassade schlüpfen, um es mit Eigenständigkeit und Haltung tragen, ohne es zur Verkleidung oder Staffage zu degradieren. Die räumliche Struktur der Bibliothek ist elementar und im Grunde mit Ihrer Rohbaustruktur beschrieben: zwei Deckenplatten und ein Dach, getragen von zwölf kräftigen Stützen, ordnen den von der Bestandsfassade beschriebenen und belichteten Raum. Es entstehen - in Übereinstimmung mit der Gliederung der Bestandsfassaden - drei über einander gestapelte Hallen, die an Raumtypologien von Magazinen oder Manufakturen des 19. Jahrhunderts erinnern mögen, wie das Semperdepot in Wien oder das Entrepot Royal in Brüssel. Hohe und weitläufige Säle, geprägt von einer klaren Konstruktion und der additiven Befensterung, unspezifisch in der Nutzung aber mit spezifischem Charakter und Stimmung. Die Höhenlage der neu errichteten Hauptgeschosse wird so gewählt, dass die Höhen der bestehenden Fensterbänke der Tischhöhe der Leseplätze entsprechen: Licht auf dem Tisch und Blickbezug in den Stadtraum. In der Lücke, welche der Abbruch des Bestandsgebäudes zwischen den Risaliten hinterlässt, weitet sich die neue Konstruktion in den Hofraum aus und wird hier mit einer Haut aus bruchrauhem Naturstein und Glas umschlossen. Die hohen Verglasungen werden im innereren getragen von innen sichtbaren Holzpfosten.  

Die Erscheinung der neuen Fassade lässt sowohl Bezüge zur Materialität und Farbigkeit der Bauten der Ludwigstraße als auch zu den umgebenden Institutsbauten der Nachkriegszeit zu. In den Hauptgeschossen wird die generische konstruktive Grundordnung ergänzt durch die nutzungsspezifischen Einbauten und Möbel, deren Anordnung im Raum sich insbesondere den natürlichen Lichtverhältnissen innerhalb der drei Etagen anpasst. Die Einbauten sorgen für differenzierte und auf kleinere Nutzergruppen bzw. den einzelnen Nutzer abgestimmte Bereiche innerhalb der großen Lesesäle. Im Kern des Gebäudes finden sich zwei- bzw. drei-geschossige Galerien in Stahlbauweise zur Aufstellung von Bücherregalen. Diese strukturelle Unabhängigkeit der Büchergalerien von der Hauptstruktur gewährleistet deren Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Nutzerbedürfnisse und erlaubt langfristig ein durch Digitalisieung zu erwartendes Rückbauszenario zugunsten von Leseplätzen. Die Arbeitsplätze selbst versammeln sich wie in einem Magnetfeld am Licht der Fassadenöffnungen. Die Größe der Lese- und Arbeitsinseln wiederum folgt auf natürliche Weise den Belichtungsmöglichkeiten der Öffnungen: kleine und mittlere Arbeitstische an den Fenstern der Ost-, Nord- und Westfassade, große Tische im Bereich der „Lichtung“ der neuen Westfassade. 


2014 

Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren, nicht realisiert
in Zusammenarbeit mit Victor López Cotelo, Madrid

Auslober: Freistaat Bayern
Leistungen: Wettbewerbsprojekt

Projektteam: Stefan Aschbichler, Rolf Berninger, Stephanie Dykiert, Europa Frohwein, Alexander Fthenakis, Victor López Cotelo, Stéphane Schneider 

Visualisierungen: Lux und Nadir, Philipp Sürth