Carl Orff Museum Dießen

Die ehemalige Wohn- und Arbeitsstätte Carl Orffs steht am Dießener Ziegelstadel, am südlichen Ende des Ammersees. Die Großzügigkeit des weitläufigen, sanft ansteigenden Anwesens lässt das zurückhaltend, ja bescheiden gestaltete Haus erhaben wirken. Dazu trägt auch die vom Architekten Alwin Seifert aus dem Vorgängerbau heraus entwickelte Gliederung in zwei Baukörper bei: Er errichtete für Orff ein Wohnhaus und ein Arbeitshaus zwischen denen der Komponist täglich über eine Pergola verkehrte. Gemeinsam bilden diese drei Elemente ein ausgreifendes, die Landschaft umarmendes Ensemble. Die Architektur des Orff-Hauses ist eine dezidiert traditionsbewusste wenn nicht gar konservative. Sie verwendet typische Bauelemente des Voralpenlandes wie Satteldächer, weiß verputzte Außenwände, kleine Lochfenster mit Kreuzsprossen und Klappläden, Balkone aus Holz mit kunstvoll gedrechselten Pfosten. Sie lässt nur auf den zweiten Blick Elemente Ihrer Erbauungszeit, der 1950er Jahre, erkennen.

Die Haltung des Ergänzungsbaus folgt jedoch der Maxime: respektvoll aber ohne Berührungsängste. Die bauliche Idee Seiferts soll durch den Anbau nicht kontrastiert, sondern interpretiert und differenziert fortgeschrieben werden. Während die Ostseite des bestehenden Komplexes als ausgewogen und in sich abgeschlossen betrachtet werden kann, so wirkt die Westseite der hinter der Pergola und des Arbeitshauses beinahe wie eine Brandwand, die zum Anbauen geradezu einlädt. Das umfangreiche Raumprogramm, erfordert eine geschickte Verteilung der Baumasse, um einerseits nicht die bauliche Wirkung des Bestandsensembles nach Osten zu beeinträchtigen und andererseits eine flüssige und natürliche Raumfolge durch die Ausstellung zu schaffen. Um eine Anbindung an das Wohnhaus zu ermöglichen wird das Garagengebäude abgerissen.

Der Anbau ist flach und eingeschossig im Bereich hinter der Pergola, von Osten her beinahe unsichtbar. Hier sind im Erdgeschoss das Foyer mit Empfang sowie die drei größeren Ausstellungsräume untergebracht: Der Schulwerk-Raum, das Arbeitszimmer 2.0 und der Saal für Sonderausstellungen. Letzterer erlaubt es, sich seiner Größe entsprechend, die selbst gesteckte Grenze der Firsthöhe der Pergola zu durchbrechen, um sich durch ein aufgesetztes Dach mehr Raumhöhe zu verschaffen. Nach außen hin wird er damit deutlich sichtbar und kann auch als „das dritte Haus“ im Ensemble interpretiert werden. Das auf dem Erdgeschossniveau des Wohnhauses gelegene Foyer erstreckt sich entlang der Rückseite der Pergola. Eine sanfte, dem natürlichen Geländeverlauf folgende Rampe, verbindet das Niveau des Eingangs, des Wohnhauses und des Sonderausstellungssaals mit den rund einen halben Meter höher gelegenen Räumen des Arbeitshauses, des Schulwerks und des Arbeitszimmers 2.0. Die Mauer der Pergola leitet den Weg dorthin. In der zweigeschossigen Fortsetzung des Arbeitshauses werden neben dem Personen- und Lastenaufzug zwei neue Zimmer untergebracht: Die Instrumentensammlung Orffs liegt im Obergeschoss und ergänzt somit den Besuch - bzw. den Anblick - des historischen Arbeitszimmers.

Der Besuch soll als ein langsamer, flüssiger Spaziergang durch das Haus empfunden werden. Die gewählten Erschließungselemente wie z.B. die lange Rampe, sollen dies unterstreichen. Die Anordnung der Räume bietet unterschiedliche Möglichkeiten der Wegeführung für die Besucher an, orientiert sich jedoch an der von der Carl-Orff-Stiftung angedachten Abfolge. Den Ergänzungsbau kennzeichnet eine robuste, dem ländlichen Kontext und dem Bestand angemessene Konstruktion. Nach Nordosten, im Anschluss an das Wohnhaus ist der Ergänzungsbau großzügig verglast: Ein offenes Gebäude empfängt den Besucher. Ansonsten dominieren die geschlossenen Wandflächen der Ausstellungsräume - sie mögen durchaus an die geschlossenen Mauern der Westseite des Bestandsgebäudes erinnern. Großformatige, weiß geschlämmte Kalksandsteine verkleiden die tragenden Mauern des Gebäudes. Das gewählte Material unterscheidet Neu und Alt aus der Ferne nur subtil, aus der Nähe deutlich.


2019

Wettbewerbsbeitrag

Auftraggeber: Carl Orff Stiftung, Dießen am Ammersee
Projektteam: Laura Augustin, Rolf Berninger, Laila Bösenberg, Alexander Fthenakis, Susann Weiland, Christian Zang
Beratung TGA und Energiekonzept: IB Hausladen, Kirchheim


Bilder und Visualisierungen: Fthenakis Ropee